Chris Markers

Der aufgespannte Irrtum im Flur

Es ist einer dieser grauen Nachmittage, an denen man froh ist, endlich die Haustür hinter sich ins Schloss fallen zu lassen. Der Mantel wandert an den Haken, und der nas…

Der aufgespannte Irrtum im Flur

Es ist einer dieser grauen Nachmittage, an denen man froh ist, endlich die Haustür hinter sich ins Schloss fallen zu lassen. Der Mantel wandert an den Haken, und der nasse Regenschirm wird, wie man es seit Kindertagen gelernt hat, weit aufgespannt im Flur oder im Badezimmer zum Trocknen aufgestellt. Man weicht dem sperrigen Hindernis für die nächsten Stunden geschickt aus, im festen Glauben, dem Material etwas Gutes zu tun. Doch genau hier beginnt ein kleiner, aber folgenreicher Fehler im Umgang mit einem unserer treuesten Alltagsbegleiter.
Wer seinen Schirm im voll aufgespannten Zustand trocknet, riskiert, dass er schon bald den Geist aufgibt. Das Problem liegt in der enormen Spannung, die in diesem Moment auf dem empfindlichen Stoff lastet. Wenn die nassen Fasern in diesem Zustand trocknen, verlieren sie mit der Zeit ihre Elastizität. Das Material leiert aus, wird spröde und kann an den Nähten schließlich einreißen. Zudem lastet ein unnötiger Druck auf den feinen Gelenken des Gestänges, was dazu führt, dass der Mechanismus schneller klemmt oder sich die Streben verbiegen.
Die überraschend einfache Lösung für eine längere Lebensdauer ist das Trocknen im „halbseidenen“ Modus. Anstatt den Schirm mit Gewalt einrasten zu lassen, schüttelt man ihn draußen oder über der Badewanne kurz kräftig aus und stellt ihn dann lediglich locker angelehnt auf den Boden – mit der Spitze nach unten und dem Verschlussband offen. In diesem halboffenen Zustand kann die Luft perfekt zwischen den Falten zirkulieren, während das Gewebe völlig entspannt bleibt.
Der praktische Nutzen zeigt sich nicht nur in einem Schirm, der über viele Jahre hinweg formstabil und wasserdicht bleibt. Ganz nebenbei verschwindet auch das Platzproblem im Flur: Der halb geschlossene Schirm beansprucht nur einen Bruchteil der Fläche und wird nicht mehr zur Stolperfalle. Ein kleiner Handgriff, der eine fest verankerte Gewohnheit ersetzt und dafür sorgt, dass man beim nächsten Wolkenbruch nicht plötzlich im Regen steht.